Die Historie der Mercedes-Benz SL-Klasse
Stuttgart
10.01.2012
Verlockend und komfortabel: Mercedes-Benz 190 SL der Baureihe W 121, (1955-1963)
  • Der erste offene Seriensportwagen der SL-Familie
  • Ein sportlich-elegantes zweisitziges Reise- und Gebrauchsauto
  • Die USA sind ein wichtiger Markt für das Fahrzeug
  • Premiere für einen neuen Vierzylindermotor mit 1,9 Liter Hubraum
Ein eleganter, offener Sportwagen mit dem Mercedes-Stern im Kühler: Das ist der Typ 190 SL (W 121), den Mercedes-Benz 1954 in New York vorstellt und 1955 auf den Markt bringt. Die Geschichte des Roadsters beginnt mit Maximilian E. Hoffman. Er ist in New York seit 1952 offizieller Importeur der Marke Mercedes-Benz für den US-Markt. Er erkennt 1953 das Verkaufspotenzial für Sportwagen von Mercedes-Benz in den USA und tritt dafür ein, dass zwei solche Fahrzeuge als Serienmodelle gebaut werden: Das Rennsportcoupé 300 SL (Baureihe W 194) soll modifiziert als Serienfahrzeug zu haben sein, empfiehlt Hoffman, und dem Flügeltüren-Coupé soll die Stuttgarter Marke zugleich einen offenen Sportwagen zur Seite stellen. So entsteht der 190 SL.
Damals ist Daimler-Benz mit Konstruktions- und Entwicklungsaufgaben zwar vollauf eingedeckt – für Serienfahrzeuge und auch zur Rennsportsaison 1954, für die der neue Formelrennwagen der Baureihe W 196 R vorgesehen ist. Aufgrund der Arbeitsbelastung setzen die Stuttgarter sogar die für 1953 geplante Teilnahme an Sportwagenrennen aus. Die neuen SL-Typen erhöhen also den Druck, doch sie sind wichtig für das Image und die Marktposition von Mercedes-Benz. Denn die 1950er-Jahre sind eine Zeit des Aufbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit Sportwagen würde Mercedes-Benz das Modellprogramm durch attraktive und exklusive Fahrzeuge in einem neuen Segment abrunden – ausgesprochen sportliche Autos fehlen nämlich seit 1935 im Angebot. So fällt bereits Mitte September 1953 die Entscheidung des Vorstands, den 190 SL und den 300 SL in Serie zu bauen.
Rund fünf Monate später feiern beide Typen ihre Premiere in Amerika: Sie werden auf der International Motor Sports Show in New York gezeigt, die vom 6. bis zum 14. Februar 1954 stattfindet, damals die wichtigste Automesse jenseits des Atlantiks. Das bedeutet, dass den Ingenieuren sehr wenig Entwicklungszeit bleibt. Eile ist also vor allem beim 190 SL geboten, der auf der technischen Basis des Typ 180 neu entwickelt werden muss, während für den Seriensportwagen 300 SL die weiterentwickelte Generation des Rennsportwagens 300 SL als Vorbild dient. Schon wenige Tage nach der Vorstandsentscheidung prüft das Direktorium von Daimler-Benz die ersten Entwürfe, und weitere zwei Wochen später können sie das erste Modell im Maßstab 1 : 10 beurteilen, dem acht Wochen danach ein 1:1-Modell folgt.
Das Entwicklungstempo nimmt an Rasanz noch zu. Die Bodengruppe, vom Mercedes-Benz 180 stammend, muss den neuen Vorstellungen angepasst und der richtige Motor gefunden werden. Außerdem schreibt der enge Terminplan vor, dass die Konturen für die Klopfhölzer, auf denen die Karosserie entstehen wird, bis 31. Oktober 1953 endgültig festliegen. Der Wettlauf mit der Zeit gelingt: Mercedes-Benz erlebt auf der Motor Show eine enorm positive Resonanz auf beide Fahrzeuge.
Bis zum damaligen Zeitpunkt hat es die Karosserie verschiedener Typen auch in der zweisitzigen A-Ausführung als Cabriolet, Roadster und Coupé gegeben. Diese Aufbauvariante wird laut Chefingenieur Fritz Nallinger künftig von den SL-Fahrzeugen ersetzt, und zwar ausdrücklich nicht mehr in der bisherigen konventionellen Linien- und Kühlergesicht-Ausführung, sondern in der SL-Ausführung, somit inklusive Zentralstern im Kühlergrill. Das ist ein Paradigmenwechsel in der Modellstruktur, und damit sind 190 SL und 300 SL die Symbole einer neuen Produktphilosophie und Urväter der späteren SL-Klasse.
Während der 300 SL bereits von August 1954 an im Werk Sindelfingen gebaut wird, überarbeitet man den 190 SL noch einmal gründlich. Denn das auf der International Motor Sports Show in New York gezeigte Fahrzeug ist weder technisch erprobt noch stilistisch ausgereift. Im März 1955 präsentiert Daimler-Benz dann auf dem Automobil-Salon Genf die endgültige Ausführung des Sportwagens. Der Karosserieentwurf stammt von Walter Häcker, er ist eng an das Flügeltüren-Coupé 300 SL angelehnt, jedoch hat der Typ 190 SL im Gegensatz zu diesem ein versenkbares Verdeck.
Die Serienkarosserie zeigt im Vergleich zum Showcar deutliche Unterschiede: Die stilisierte Ansaughutze auf der Motorhaube ist entfallen, die Vorderkante der Motorhaube nach hinten verlegt, auch über den hinteren Radausschnitten gibt es Lanzetten, und die Stoßstangen, Blinker und Rückleuchten sind modifiziert. Das Werk Sindelfingen produziert die Vorserie bereits seit Januar 1955. Die Hauptserie läuft im Mai an.
Der Typ 190 SL ist technisch verwandt mit den „Ponton“-Limousinender Baureihe W 120/121, wie sie wegen der charakteristischen Karosserieform landläufig genannt werden. Er trägt die interne Bezeichnung W 121, die der 1956 erscheinende Typ 190 ebenfalls erhält. Von vornherein ist der Typ 190 SL als zweisitziges Cabriolet ausgelegt.
In den 1950er-Jahren verschiebt sich die Bedeutung der Gattungsbezeichnung Roadster. Klassischerweise ist er ein recht spartanisch ausgestatteter, sportlicher Zweisitzer beispielsweise mit Steckscheiben und abnehmbarem Stoffverdeck inklusive Dachgestell. Doch die Komfortansprüche der Kunden sind gestiegen, und dem trägt der Sportwagen Mercedes-Benz 190 SL Rechnung. Obwohl er also im klassischen Sinn kein Roadster ist, wird er in der Lesart des Hauses so bezeichnet.
Im Gegensatz zu dem vom Rennsport geprägten Typ 300 SL ist er als sportlich-elegantes zweisitziges Reise- und Gebrauchsauto konzipiert. Drei Versionen gibt es: einen Wagen mit Stoffverdeck (Preis Februar 1955: 16.500 DM) sowie ein Coupé mit abnehmbarem Hardtop, wahlweise mit oder ohne Stoffverdeck (Preis September 1955: 17.650 DM/17.100 DM). Die Preise machen die exklusive Platzierung des Fahrzeugs im Modellprogramm deutlich: Der Typ 300 SL kostet im Jahr 1954 zwar 29.000 DM und damit deutlich mehr als der 190 SL. Doch der Sportwagen ist ganz klar über den Limousinen angesiedelt – so bietet Mercedes-Benz den Typ 180 in den Jahren 1954/55 für 9.450 DM in der Preisliste an. Auf Wunsch kann beim 190 SL im Fond ein dritter Sitz quer zur Fahrtrichtung untergebracht werden.
Die Fachpresse lobt den Typ 190 SL unter anderem für seine sicheren Fahreigenschaften. Dafür sorgt unter anderem die bereits aus dem Typ 220 a bekannte Eingelenk-Pendelachse mit tief gelegtem Drehpunkt. Die Vorderrad-Aufhängung einschließlich des Fahrschemel-Konzepts hat man aus dem Typ 180 übernommen, von dem auch die Bodengruppe stammt, die freilich verkürzt ist.
Neu entwickelt ist der 1,9-Liter-Ottomotor M 121 B II. Das Vierzylinderaggregat hat eine oben liegende Nockenwelle und gilt als Urvater einer ganzen Motorenfamilie. Im Mercedes-Benz 190 SL leistet es 105 PS (77 kW) bei 5700/min und beschleunigt das Fahrzeug in der Variante mit Stoffdach in 14,5 Sekunden von null auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt respektable 170 km/h – damit gehört man auf den Straßen der 1950er- und 1960er-Jahre zu den Schnellsten. Der Benzinverbrauch wird mit recht moderaten 8,6 Litern angegeben, der 65-Liter-Tank sorgt für eine angemessene Reichweite.
Während seiner Produktionszeit erfährt der Typ 190 SL zahlreiche Detailverbesserungen. Deutlich erkennbar sind die breiten Chromleisten am oberen Türabschluss (Einführung März 1956) und größere Rückleuchten (Juni 1956, wie auch bei den Typen 220 a, 219 und 220 S verwendet). Im Juli 1957 wird die hintere Kennzeichen-Beleuchtung in die Stoßstangenhörner verlegt, um die Montage der seinerzeit eingeführten breiten Kennzeichen-Schilder zu ermöglichen. Damit gehören die hinteren Stoßstangenhörner zur Grundausstattung, vorn sind sie gegen Aufpreis erhältlich; die USA-Ausführungen hatten sie schon immer rundum serienmäßig. Von Oktober 1959 an sorgt ein neues Hardtop mit größerer Heckscheibe bei den Coupés für eine deutlich bessere Sicht nach hinten. Im August 1960 wird das Schloss des Kofferraumdeckels geändert, gleichzeitig ersetzt ein Muschelgriff den zuvor verwendeten Bügel. 1963 läuft der letzte Mercedes-Benz 190 SL aus der Fertigungshalle. Insgesamt werden es 25.881 Exemplare. Die meisten davon gelangen in die USA – Maximilian E. Hoffmans Rechnung ist also aufgegangen.
Eine Sportvariante des Mercedes-Benz 190 SL
In den ersten Prospekten ist eine Sportvariante des Typ 190 SL dargestellt: Türen aus Leichtmetall, kleine Renn-Windschutzscheibe aus Plexiglas, Entfall von Verdeck, Stoßstangen, Wärmetauscher und Dämmmaterial lassen ihn nur rund 1000 Kilogramm wiegen, etwa 10 Prozent weniger als die übliche Straßenversion. Die gebaute Stückzahl ist nicht dokumentiert, nur ganz wenige Sportausführungen gelangen in Kundenhand; sie dürften zudem durch Modifizieren des Vierzylindermotors, Tieferlegen der Karosserie, Sport-Stoßdämpfer und geänderte Federn weitere Feinarbeit erfahren haben. Seinen größten Erfolg erzielt der „Sport“-190 SL im Jahr 1956 beim Sportwagen-Grand-Prix von Portugiesisch Mação, eingesetzt vom damaligen Daimler-Benz Importeur aus Hongkong. Der rechtsgelenkte Sportwagen belegt Platz 1 vor einem Ferrari Mondial und verschiedenen Jaguar und Austin-Healey. Im gleichen Jahr erringt der Mercedes-Benz Generalimporteur von Marokko beim Großen Preis von Casablanca einen Klassensieg (GT-Klasse bis zwei Liter Hubraum). Aufgrund von Rennsportbestimmungen wird die Idee des „Sport“-190 SL allerdings nicht weiter verfolgt: Das wie beschrieben modifizierte Fahrzeug würde bei vielen Wettbewerben als Seriensportwagen eingestuft werden und wäre damit chancenlos. Zudem verhindert ein Beschluss der Rennbehörde FIA (Fédération Internationale de l’Automobile) eine Einstufung als GT-Fahrzeug, demzufolge sich auch ein Gran Turismo vollständig schließen lassen muss – eine Bedingung, die der umgerüstete Typ 190 SL nicht erfüllen kann.
Der Mercedes-Benz 190 SL in der Presse
Kurz nach der Präsentation des Mercedes-Benz 190 SL auf der International Motor Sports Show in New York schreibt „auto motor und sport“, Deutschland, Heft 3/1954: „ Der Mercedes 190 SL ist ein eleganter und schneller Tourensportwagen, der sich als ganz normales Gebrauchsfahrzeug für den Alltag verwenden lässt, aber auch die Möglichkeit bietet, auf sportlichen Veranstaltungen kleineren Stils mit Erfolg benutzt zu werden. [...] Wie beim 300 SL hat Mercedes auch für dieses neue Modell auf den traditionsgeheiligten Kühler verzichtet. Die sehr harmonische Vorderpartie zeigt indes, dass man eine vornehm-distinguierte Linie sehr wohl erreichen kann, ohne die Attribute der Mode sowohl wie der Zweckmäßigkeit hintanzustellen. “
Die „Automobil Revue“, Schweiz, schreibt in ihrer Ausgabe vom 14. November 1956: „Trotz seiner hohen Leistungen ist der 190 SL kein eigentlicher Sportwagen, sondern ein unkomplizierter, seriöser Reisewagen, der gleichsam mit allen vier Rädern fest auf dem Boden steht. Dank seiner beispielhaften Fahreigenschaften gehört er zu den ganz wenigen Fahrzeugtypen, mit denen man ohne Hast und bei voller Rücksicht auf den übrigen Verkehr höchste Durchschnittsgeschwindigkeiten in aller Sicherheit erreicht.“
Die „Motor-Revue“, Deutschland, veröffentlicht im Frühjahrs-Heft 21/1957 einen ersten Fahrtbericht. Der Tester schreibt: „Bei Verwendung der vorgeschriebenen Reifen lässt sich der 300 SL Roadster mit eingeschlagenen Vorderrädern bei Kurvengrenzgeschwindigkeiten beschleunigen und zeigt keine Neigung zum Ausbrechen. Diese lammfrommen Eigenschaften eines – je nach Achsübersetzung – 235-250 km/st schnellen Sportwagens mit bulligem Abzugsvermögen, im Prinzip auf weiche Federung und hervorragende Abstimmung zurückzuführen, machen den neuen Roadster zum leistungsfähigsten und dabei fahrsichersten Wagen, den ich bisher kennengelernt habe. Sehr beachtlich erscheint mir auch bei geschlossenem Verdeck die völlige Abwesenheit von Schwingungen, Dröhnen und Resonanzerscheinungen im Wageninnern – ebenfalls ein Erfolg der liebevollen Abstimmung von Gitterrohrrahmen, Radaufhängung und Rädern, die optimal gelöst wurde.“
Im Jahr 1960 veröffentlicht „auto motor und sport“, Deutschland, Heft 15/1960, einen ausführlichen Testbericht zum Mercedes-Benz 190 SL: „ Seinen guten Ruf verdankt der 190 SL nicht nur seinem eleganten Aussehen. sondern ebenso seiner Robustheit und Zuverlässigkeit und seinen sauberen Fahreigenschaften. Die gute Verarbeitung von Karosserie und Roadsterverdeck verdient besondere Erwähnung. “
Technische Highlights des Mercedes-Benz 190 SL (W 121)
  • Moderner Vierzylindermotor mit einer oben liegenden Nockenwelle
  • Modernes Fahrwerk für hohen Fahrkomfort und große Sicherheit
  • Versenkbares Roadsterverdeck
Produktionszahlen
Typ
Konstruktions- bezeichnung
Produktionszeit Vorserie bis Ende
Stückzahl
190 SL
W 121 B II
1955-1963
25.881*
* Roadster und Coupés.
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Birgit
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