Unternehmensgeschichte der Daimler AG
Stuttgart
29.08.2011
Großaktionäre haben Einfluss
  • Turbulente Zeiten mit Flick und Quandt
  • Keine Angst vor ausländischen Investoren
  • Mit Eigenkapital gegen Übernahmen gerüstet

Eine Aktiengesellschaft ist abhängig unter anderem von ihrer Aktionärsstruktur. Großaktionäre spielen dabei aufgrund ihres Einflusses mithilfe ihres Anteilsgewichts eine besondere Rolle. Das zeigt der Blick auf eine Episode der Daimler-Benz Geschichte: In den 1950er-Jahren machen auch die Großaktionäre Friedrich Flick und die Familie Quandt von sich reden – und entfachen in den 1970er-Jahren sogar die Befürchtung, dass das solide deutsche Unternehmen im Herzen Europas an Ölmultis ausverkauft werden könnte.
Friedrich Flick beginnt 1952 heimlich Aktien der Daimler-Benz AG zu kaufen, im Jahr 1954 dann so verstärkt, dass es der Börse nicht verborgen bleibt und der Kurs steigt: Ende des Jahres kostet eine Daimler-Benz Aktie umgerechnet rund 250 DM, fast das Doppelte wie noch Ende 1953. („umgerechnet“ deshalb, weil der Kurs bis August 1960 in Prozent des Nennwerts angegeben wird, nicht in DM.) Der Vorstandsvorsitzende Fritz Könecke vermutet in dem außergewöhnlichen Kursanstieg sogleich das planmäßige Vorgehen eines Unbekannten und freut sich daher, dass die Brüder Herbert und Harald Quandt ihr Erbe des Daimler-Benz freundlich gesinnten Vaters Günther Quandt von 3,85 Prozent durch Aktienkäufe ausbauen wollen – als Gegengewicht sozusagen. Günther Quandt „war der vielleicht einzige Konzernarchitekt der Nachkriegszeit, der es mit Flick an Raffinesse und Hartnäckigkeit aufnehmen konnte“, schreibt Thomas Ramge in seinem Buch „Die Flicks“.
Auf der Hauptversammlung der Daimler-Benz AG am 18. Juli 1955 wird die Katze dann aus dem Sack gelassen: Flick hat eine Sperrminorität in Höhe von 25 Prozent des Stammkapitals, das insgesamt 72 Millionen D-Mark beträgt, und wird in den Aufsichtsrat gewählt. Die Quandt-Gruppe hat zu dem Zeitpunkt offiziell 3,5 Prozent und sendet Herbert Quandt in das Kontrollgremium. Beide Großaktionäre kaufen in den folgenden Jahren Aktien, wann immer sich eine Gelegenheit bietet. Einen vierten Großaktionär booten sie gemeinsam aus: Dem ehemaligen Holzkaufmann Hermann Krages aus Bremen gelingt es, ein 8-Prozent-Paket von Daimler-Benz Aktien zusammenzukaufen. Das bietet er Flick und Quandt für 770 D-Mark pro Aktie an – zum doppelten Börsenwert. Die beiden Großaktionäre verabreden sich jedoch, Krages ins Leere laufen zu lassen: Flick steigt offiziell aus, die Quandts kaufen die Aktien zu je 430 D-Mark, also für wenig mehr als den damaligen Börsenwert, weil sie nun ja die einzigen Interessenten sind. Später teilen die Großaktionäre das Paket im Verhältnis 3,5 (Flick) zu 2,5 (Quandt-Gruppe) auf.
Anfang der 1970er-Jahre liegen rund 14 Prozent des inzwischen auf 1.189 Millionen DM gestiegenen Aktienkapitals bei der Quandt-Gruppe. Deshalb schockt die Meldung vom 28. November 1974 die Öffentlichkeit: Der Großteil des Quandt-Aktienpakets wurde ins Ausland verkauft – nur an wen, darüber wird sich ausgeschwiegen. Selbst Herbert Quandt sagt, er wisse nicht, an wen die von der Dresdner Bank abgewickelten Aktien gegangenen sind. Schließlich wird am 2. Dezember dem Drängen des Aufsichtsrats, der Bundesregierung und der Bundesbank nachgegeben und das Inkognito gelüftet: Das Scheichtum von Kuwait hat sich bei Daimler-Benz eingekauft, will aber keinen Posten im Aufsichtsrat haben oder sich in die Geschäftspolitik einmischen – was sich auch in den folgenden Jahren bewahrheitet.
Die Öffentlichkeit ist schnell beruhigt, zumal die Deutsche Bank noch 28,5 Prozent und Flick 39 Prozent der Aktien haben – eine „Überfremdung“ steht also nicht zu fürchten. Was allerdings niemand zu diesem Zeitpunkt weiß, ist, dass auch Friedrich Flick mit einem Ölförderland über den Verkauf seiner Aktien verhandelt, und zwar mit dem Irak. Als der Aufsichtsratsvorsitzende von Daimler-Benz, der Deutsche-Bank-Chef Franz Heinrich Ulrich, dies während seines Weihnachtsurlaubs in St. Moritz von Flick erzählt bekommt, kann er den Investor überreden, 10 Prozent der Aktien zu behalten, und verspricht, dass die Deutsche Bank 29 Prozent zu einem Preis von 2 Milliarden DM übernimmt. Doch nicht etwa, um das Bank-Engagement weiter auszubauen, wie Ulrich betont, sondern um das Paket im Markt unterzubringen.
Dies geschieht über das Konstrukt der 1975 gegründeten Mercedes-Automobil-Holding AG (MAH), deren Aktien zur Hälfte bei institutionellen Großanlegern und zur anderen Hälfte breit über die Börse an Privatinvestoren gestreut wird. Während die Börse damit um ein interessantes Papier reicher wird, können unliebsame Überraschungen wie der Rückzug zweier Großaktionäre nicht mehr vorkommen: Die MAH-Aktionäre dürfen lediglich über die Geschicke der MAH, nicht aber über die von Daimler-Benz bestimmen.
Rückzug der Deutschen Bank
Die Deutsche Bank zieht sich im Übrigen im neuen Jahrtausend fast ganz zurück: Der Vorstandsvorsitzende Josef Ackermann verkauft ab 2002 nach und nach die Industriebeteiligungen der Bank, um sich auf das Kerngeschäft zu konzentrieren. 2004 reduziert die Bank ihre Aktienbeteiligung an der DaimlerChrysler AG von 11,8 Prozent auf 10,4 Prozent; Ende 2006 hält die Deutsche Bank noch 4,4 Prozent an Daimler, im April 2009 sind es noch 2,5 Prozent.
Mit rund 1,3 Millionen Aktionären Mitte des Jahres 2009 hat die Daimler AG eine breite Aktionärsbasis. Viele Mitarbeiter sind durch die Ausgabe von Belegschaftsaktien zu kleinen Teilhabern geworden. Rund zwei Drittel der gesamten Aktien sind in europäischen Händen.
Für großes Echo sorgt im März 2009 der Einstieg der Investmentgesellschaft Aabar Investments PJSC aus Abu Dhabi. Daimler erhöht dazu das Grundkapital um rund 10 Prozent. Die Kapitalerhöhung erfolgt unter teilweiser Nutzung der von der Hauptversammlung vom 9. April 2008 gebilligten Ausgabe nennwertloser Stückaktien gegen Bareinlagen. Aabar erwirbt alle neuen Aktien und hält somit 9,1 Prozent am neuen Grundkapital.
Die so eingenommenen rund 1,95 Milliarden Euro stärken die Eigenkapitalbasis und die Liquidität der Daimler AG. In wirtschaftlich turbulenten Zeiten, wie es die Jahre ab 2008 sind, will das Unternehmen gut versorgt sein, da durch die vorsichtige Kreditvergabe seitens der Banken Engpässe nicht auszuschließen sind und um beispielsweise mögliche „feindliche Übernahmen“ abzuwehren. Ende 2008 beträgt die Eigenkapitalquote des Daimler-Konzerns insgesamt 24,3 Prozent, wie es in der Pressemitteilung zu dem Einstieg Aabars vom 22. März 2009 heißt.
Mit Abu Dhabi und Kuwait hat Daimler von Mitte 2009 an also zwei Großaktionäre. Die unveränderte Anzahl gehaltener Aktien der Kuwait Investment Authority, die Ende 2008 einen Anteil von 7,6 Prozent an der Daimler AG ausmacht, repräsentiert nach der Kapitalerhöhung noch 6,9 Prozent der Aktien.
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