Dingen eine Form zu geben gehört zu den ständigen Herausforderungen, denen sich ein Designer zu stellen hat. Gleichwohl ist der immer wieder hochkomplexe Vorgang alles andere als ein in Routine mündender Prozess. Die Auseinandersetzung mit der Gegenständlichkeit eines dreidimensionalen Produkts ist nicht mit mathematischen Formeln oder den Gesetzen der Thermodynamik zu entschlüsseln wie zum Beispiel ein Motor.
Gutes Design soll der Funktion folgen. Allerdings sollten wir dabei nicht nur an mechanische Funktionen denken. Der Grundsatz „form follows function“ schließt auch diese Funktion mit ein: das emotionale Drehmoment.
Der Weg zu herausragendem Design lässt sich nicht wirklich beschreiben, sondern eigentlich nur anhand eines fertigen Produkts zurückverfolgen. Eine naturgesetzliche Logik gibt es nicht wirklich, sonst gäbe es ja nur noch Design-Klassiker; nirgendwo sonst ist der Prozess des Herantastens so ausgeprägt wie bei der Formfindung. Bei aller Stilsicherheit guter Designer bleibt immer auch ein Hauch von Unsicherheit, die sich erst dann in Überzeugung wandelt, wenn das fertige Produkt all das verkörpert, was positiv wahrgenommen wird.
Gutes Design entzieht sich hartnäckig einer eindeutigen Definition. Vor allem deshalb, weil es erst in der subjektiven Wahrnehmung reifen muß, bevor es wirklich als gutes Design begriffen werden kann. Außerdem kommt gutes Design erst dann als solches zur Geltung, wenn es zusammen mit seinem Umfeld wahrgenommen wird. Ein klassischer Stuhl wird erst zum Klassiker, wenn die anderen Möbel um ihn herum „gealtert“ sind.
Das ist der Grund, warum Menschen in einer Straßenszene zuerst auf den smart fortwo schauen, weil er in seiner fröhlichen Frische, mit seiner sympathischen Ausstrahlung herausragt und die Blicke auf sich zieht.
Muss Design schön sein? Muss Design gefallen? Darf Design polarisieren? Muss es wirklich immer der Funktion folgen?
Gutes Design ist nicht unbedingt eine Frage von Schönheit. Und gefälliges Design der Kategorie „Liebe auf den ersten Blick“ kippt schnell in Richtung Langeweile und Beliebigkeit. Ja, Design darf polarisieren, denn es ist allemal besser, bei dem einen Betrachter Begeisterung, bei dem anderen Skepsis auszulösen, als ein allgemeines Gefälligkeitsgefühl. Was der Mehrheit gefällt, entspricht dem durchschnittlichen Geschmack. Und Durchschnitt ist immer auch Mittelmaß. Insofern ist gutes Design zunächst immer auch umstritten.
Auf die Frage, was gutes Design ist, lässt sich leichter eine Antwort finden als auf die Frage, was gutes Design ausmacht.
Wir wissen sofort, was uns gefällt. Doch schon die Frage, warum es uns gefällt, macht uns zunächst nachdenklich. Und die Fragestellung, auf welchem Weg man zu gutem Design kommt, macht fast schon sprachlos. Es gibt kaum jemand, der hier aus dem Stehgreif sicher argumentieren könnte. Vielleicht ein Designer.
Grundregeln guten Designs
Und selbst eine Geistesgröße wie der Philosoph Immanuel Kant musste erkennen, dass es „keine objektive Geschmacksregel“ geben kann, „welche durch Begriffe bestimmt, was schön ist“ oder schön zu sein hat. Dennoch lassen sich aus der schwammigen Suche nach einer Definition ein paar Grundgesetze destillieren:
- Gutes Design löst angenehme Gefühle aus.
- Gutes Design überstrahlt sogar die eigentliche Funktion eines Gegenstandes.
- Gutes Design ist mutig und bricht mit Konventionen und traditionellen Sehgewohnheiten, ohne sie zu ignorieren.
- Gutes Design respektiert die Tradition.
- Gutes Design weist in die Zukunft.
- Gutes Design ist schnörkellos und auf das Wesentliche konzentriert.
- Gutes Design ist hoch funktional.
- Gutes Design gibt Orientierung.
- Gutes Design trägt dazu bei, Marken zu starken Marken zu machen.
„Dingen“ eine Form zu geben ist also alles andere als einfach. Vor allem dann, wenn diese „Dinge“ keine banalen Gebrauchsgegenstände sind, sondern Teil einer tiefen, emotionalen Beziehung werden sollen.
Noch schwieriger wird es, wenn ein Produkt zu gestalten ist, dessen Form nicht Inhalt ist, sondern hochwertige technologische Substanz vermitteln soll. Ein klassischer Stuhl lässt keinen Raum für verborgene Finessen, wirkt für sich und durch sich. Bei einem Automobil ist das alles ganz anders. Hier wird das Design zur Benutzeroberfläche unserer Emotion und unseres Anspruchs an die subtil wahrgenommene technologische Substanz. Unser Unterbewusstsein erwartet einwandfreie Funktion der Technik und unser ästhetisches Empfinden will umworben werden.
An dieser Stelle standen die Designer, als sie den smart fortwo entwickelt haben. Es galt dabei aber nicht formale Gewohnheiten des Automobildesigns zu berücksichtigen, sondern ganz neue Wege zu gehen und dabei auch die gesellschaftliche Funktion als Zielvorgabe zu integrieren: Die Ölkrisen Anfang der siebziger Jahre und der achtziger Jahre als erste Vorboten knapper werdender Ressourcen, der Erfolg des Automobils und damit verbunden die Zunahme des Individualverkehrs, die zunehmende Umweltbelastung, die Parkraumnot in den Städten.
Diese gesellschaftlichen Vorgänge ließen bei Mercedes-Benz schon früh die Frage aufkommen, wie ein Automobil aussehen müsste, das diesen Herausforderungen gewachsen ist, ohne den Menschen Verzicht abzuverlangen.
Was so ein Auto haben muss, ließ sich schnell beantworten: vier Räder, zwei Sitzplätze, einen Motor und etwa 2,50 Meter Länge. Das war 1981. Allerdings entsprach das Ergebnis der damaligen Überlegungen nicht den Sicherheitsanforderungen von Mercedes-Benz. Es dauerte zehn weitere Jahre, das Projekt wurde immer wieder mal auf Eis gelegt, bis das Mercedes-Benz Design in Sindelfingen zusammen mit dem Advanced Design Center in den USA Form und Funktion so zusammenbrachten, dass sie den hohen Anforderungen des Hauses entsprachen. Und dem Wunsch nach emotionaler Präsenz.
Mit dem Bau einer Fabrik auf der grünen Wiese konnten in allen Bereichen ganz neue Ansätze verwirklicht werden. Unkonventionelles Denken vom ersten Lastenheft, der Zieldefinition des Produkts, über die Design-Struktur bis hin zu völlig neuen Produktions-Prozessen. Damit wurde nicht nur ein neues Automobilkonzept kreiert, sondern auch alle Rahmenbedingungen neu definiert.
Der smart fortwo stellte von Anfang an die höchsten Anforderungen an die Designer, galt es doch, ein ganz neues, intelligentes Konzept automobiler Individualität auch formal „neu“ erscheinen zu lassen. Dabei sollten konventionelle Sehgewohnheiten mit positiver Neugier zusammengeführt werden. Das Konzept des extrem kurzen Zweisitzers sollte die Menschen allein durch seine Form sympathisch berühren, ohne es an Ernsthaftigkeit fehlen zu lassen.
Für ein Design-Projekt, das eigentlich keine Einschränkungen hatte und ohne Vorbedingungen entwickelt werden konnte, hatte der zu gestaltende
smart fortwo so ziemlich alle Facetten formaler Inkompatibilität zu synchronisieren. Aus widersprüchlichsten Anforderungen an Funktion, Ästhetik und Sicherheitstechnologie hatte ein neues Ganzes zu entstehen, das aus Thesen und Antithesen die Synthese machte.
Die smart-Designer ließen sich bei der Suche nach dem richtigen Weg für den fortwo von vier Punkten leiten:
- Erstens erzeugt Design Lebensfreude
- Zweitens wird ein smart vor allem übers Design erlebt,
- drittens darf es trotz seiner minimalistischen Außenmaße keinerlei Einschränkungen in Bezug auf die Sicherheit geben,
- viertens hat der smart fortwo bei aller Emotionalität den Anforderungen an raumkomfortabler Mobilität zweier Menschen zu entsprechen.
Es galt also, ein designorientiertes Stadtauto mit dem Format wahrer Größe zu schaffen, das dem hohen Sicherheitsbedürfnis der Kunden und (!) der Sicherheitsphilosophie des Unternehmens entspricht.
Die Designer ließen sich bei ihren Überlegungen so ziemlich von allem inspirieren, was das Leben lebenswert und ein originelles Automobil attraktiv und liebenswert macht. Sie fanden anregende Parallelen bei fast allen Produkten, die uns im Alltag umgeben: Mode, Architektur, Möbel, die Verwendung von Materialien und ihre unterschiedliche Kombination, aber auch bei so originelle Ikonen automobiler Historie wie dem Citroen 2CV oder dem Ur-Mini.
Herausgekommen ist am Ende eines langen Abwägungsprozesses das einzigartige smart Karosseriekonzept, das völlig neue Möglichkeiten erschloss, wie zum Beispiel die variable Farbgestaltung, die es dem Besitzer ermöglicht, die Kunststoffteile an seinem Fahrzeug auszutauschen und seinem Auto einen immer wieder neuen Auftritt zu ermöglichen. Hier hatten die Designer die konstruktive Verbindung von Kunststoff- und Metallteilen an Motorrädern im Kopf.
Der smart fortwo gilt unter Design-Experten als „gelungenes“ Design, als charakterstark, herausragend und originell. Nicht zuletzt deshalb wurde der smart durch die Aufnahme ins New Yorker Museum of Modern Art (MoMA) als Design-Zeitzeichen für die letzte Dekade des vergangenen Jahrtausends geadelt. Die beste Voraussetzung, zum Klassiker zu werden.
Was gutes Design ausmacht, lässt sich gerade am smart fortwo festmachen. Der smart wirkt per se praktisch, intelligent und ehrlich. Er hat eine starke emotionale Aura, die uns positiv und angenehm berührt. Seine charakterstarke Ästhetik bedarf keiner Erklärung oder gar Erläuterung. Sein knapper Auftritt, ausdruckstark erkennbar in seinen kaum sichtbaren kurzen Überhängen, wirkt dennoch einladend, modern und erfrischend. Die typische tridion-Optik der Sicherheitszelle kommuniziert klar und eindeutig die Funktion der Geborgenheit. Eindeutiger lässt sich die Grundregel des Designs, dass die Form der Funktion zu folgen hat, nicht anwenden.
Inzwischen, nach fast einem Jahrzehnt des smart fortwo stellt sich den smart Designern die Aufgabe, wie man dieses Auto, dieses Konzept, diesen einzigartigen Charakter weiterentwickeln kann. Entwickeln heißt, die Stärken zu bewahren und gleichzeitig Neues zu formen. Etwas Neues schaffen, ohne die Einzigartigkeit aufzugeben – eine extreme Herausforderung? Auf der einen Seite sicher, aber sicherlich machbar. Das Beispiel aus Stuttgart-Zuffenhausen lehrt, dass diese Herausforderung sehr erfolgreich überwunden werden kann. Voraussetzung dafür ist eine behutsame Behandlung der Idee und gleichzeitig die klare Identifikation der form- und produktprägenden Eigenschaften. Es braucht Mut, es bedarf Weitsicht und eine intensive Diskussion auch des kleinsten Details. Gleichzeitig ist eine höchstmögliche Distanz zum eigenen Produkt erforderlich. Stimmen Nähe und Distanz – gelingt also der innere Blick von außen auf das Produkt – ist das Ergebnis ein mutiger Nachfolger mit den Genen des Vorgängers, der als Neu erkannt und als Bewährt akzeptiert wird.